Im November 2019 knackte die chinesische Plattform TikTok die Marke von 1,5 Milliarden Downloads und ist damit hinter dem Facebook Messenger und WhatsApp mittlerweile die drittbeliebteste Smartphone-App weltweit. [Deutsche Welle] Mit der Anwendung, die vor allem bei jungen Nutzern beliebt ist (41% der User sind zwischen 16 und 24 Jahren alt), lassen sich kurze Videos aufnehmen, bearbeiten und per Hashtag teilen.
Unter der Überschrift “Wie politisch ist TikTok?” schreibt die Deutsche Welle bereits im Dezember 2019: “[TikTok] zensiert kritische Inhalte und diskriminiert Minderheiten. Bei politischen Themen gilt: Entweder man arbeitet mit dem System – oder man umgeht es.”
Inhaber der Video-Plattorm ist die chinesische Firma ByteDance. Eine Recherche der deutschen Internetseite Netzpolitik.org ergab, dass TikTok “ein ausgeklügeltes System [betreibt] um Inhalte zu identifizieren, zu kontrollieren, zu unterdrücken und zu lenken.” Eine Quelle bestätigte, dass “bestimmte Inhalte eine möglichst große Reichweite [bekommen], während andere systematisch unterdrückt werden.”
Indien verbietet 59 chinesische Apps
Nun hat Indien TikTok sowie 58 weitere chinesische Apps verboten. Die betroffenen Apps, darunter auch der chinesische Messenger WeChat und der Browser des Online-Marktplatzes AliBaba, sind dort nicht mehr im Google Play Store und im Apple App Store zu finden. Das indische Ministerium für Informationstechnologien begründete den Schritt mit Sicherheitsbedenken. Immer wieder hatte es Berichte gegeben, wonach die App Nutzerdaten sammle und auf Servern im Ausland speichere. “Die Zusammenstellung dieser Daten, deren gezielte Auswertung und das Profiling durch Elemente, die der nationalen Sicherheit und Verteidigung Indiens feindlich gesinnt sind – was letztlich die Souveränität und Integrität Indiens betrifft – ist eine sehr tiefgehende Angelegenheit und eine dringende Sorge, welche Notfallmaßnahmen erfordert” hieß es. [onvista.de]
“Das Verbot folgt auf einen tödlichen Grenzkonflikt um das Himalaya-Gebiet. Kürzlich starben bei einer Eskalation an der indisch-chinesischen Grenze mindestens 20 indische Soldaten. Um die Region haben die beiden Länder vor Jahrzehnten Krieg geführt,” berichtet die Deutsche Welle.
Der indische Ableger von TikTok bestreitet die Vorwürfe: “Das Unternehmen erklärte, seine Daten würden in einem der Zentren des südostasiatischen Stadtstaates Singapurs gehütet, und nicht etwa in China, wo die App auch gar nicht angeboten wird,” schreibt die FAZ. Weiter heißt es, TikTok “drohen angeblich Verluste von bis zu 6 Milliarden Dollar, wenn sich nun Hunderte Millionen Nutzer auf dem Subkontinent aus Tiktok verabschieden müssen.” Der neue Vorstandschef von TikTok, Kevin Mayer, “versprach in einem Brief an die indische Regierung noch einmal, auch in Indien ein eigenes Datenzentrum bauen zu wollen.” [FAZ]
Wie der Spiegel berichtet, warf das “Handelsministerium in Peking Indien Diskriminierung chinesischer Firmen vor. Diese Praxis sei ein Verstoß gegen die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) und müsse korrigiert werden.”
Eine Chance für indische Start-Ups?
Währenddessen boomen indische Ersatz-Apps: “Reposo” verzeichnete “innerhalb von 48 Stunden nach dem Tiktok-Bann sagenhafte 22 Millionen zusätzliche Nutzer. Die in Bangalore entwickelte App Chingari existiert seit 22 Tagen und verkündet, schon mehr als zehn Millionen Nutzer zu haben. Täglich kämen mehr als 700000 hinzu. Tiktik Made in India, die nach dem Bann als direkte indische Konkurrenz auf den Markt kam, zählte am Samstag 50000 Menschen, die sie heruntergeladen hatten.” [FAZ]
Verwendete Quellen:
- Wie politisch ist TikTok? [Deutsche Welle, 06.12.2019]
- Gute Laune und Zensur [Netzpolitik.org, 23.11.2019]
- Indien verbietet chinesisches Video-Portal TikTok [Deutsche Welle, 30.06.2020]
- Indien verbietet TikTok und andere chinesische Apps [onvista.de, 30.06.2020]
- Wird TikTok zum neuen Huawei? [FAZ, 05.07.2020]
- China wirft Indien Diskriminierung von Firmen vor [Spiegel Online, 02.07.2020]
Weiterführend:
- TikTok und Co.: Vom Entstehen neuer Jugendkulturen samt neuer Kreativität, gesellschaftlichen Auswirkungen, dem Aufkommen neuer Idole und dem Phänomen Hyper Attention spricht Jugendforscher Matthias Rohrer im Podcast der Fachzeitschrift der österreichischen Werbeindustrie “HORIZONT”. [03.07.2020]
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